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Zur ersten Ausgabe von spielzeiteuropa

spielzeiteuropa findet in diesem Winter zum ersten Mal statt. Diese Theatersaison steht für eine Neuausrichtung der Berliner Festspiele und wird in einem lockeren Rhythmus über einen Zeitraum von mehreren Monaten bedeutende Theater- und Tanzproduktionen aus dem europäischen Raum nach Berlin, in das Haus der Festspiele, bringen. Auf eine Region, abwechselnd aus West- oder Osteuropa, ist jeweils ein besonderer Blick gerichtet. In der ersten Ausgabe von spielzeiteuropa wird dies Ungarn sein. Auch die Sicht von außen auf Europa ist wichtig. Sie wird in diesem Jahr durch den amerikanischen Regisseur John Jesurun vertreten, dessen Arbeit auf jüngere deutsche Regisseure, beispielsweise René Pollesch, stilbildend wirkte.

Den großen Produktionen wollen wir kleinere, doch ästhetisch wegweisende Arbeiten zur Seite stellen und so neben dem großen Theatersaal auch die Seitenbühne als gleichwertigen Spielort etablieren. spielzeiteuropa ist auch eine Antwort auf das erweiterte Europa. Ihre programmatische Ausrichtung hat einen starken kulturpolitischen Akzent. Durch die neuen EU-Mitglieder wie Ungarn, Polen, Tschechien, die Slowakei und die baltischen Staaten rückt Berlin ins Zentrum dieses größeren Europa. Einen geeigneteren Ort für den intendierten Dialog über die Vielfalt des Theaters, das in seiner europäischen Ausprägung die Chiffre für darstellende Kunst schlechthin ist, kann man sich kaum vorstellen. Es ist daher unser Ziel, nach und nach aus unserem Haus eine europäische Koproduktionsstätte zu machen, die auf einem aktiven Netzwerk mit bis zu einem Dutzend Partnern aus Ost und West beruht.

Diese Veranstaltungsreihe mit neuem Format fügt sich hervorragend in die übrigen Festivals unter dem Dach der Festspiele: MaerzMusik, Theatertreffen, Konzerte | Oper und JazzFest Berlin. Wir begrüßen spielzeiteuropa als schönen Zwilling des deutschsprachigen Theatertreffens und als sinnvolles Pendant zum außereuropäisch ausgerichteten IN TRANSIT-Festival des Hauses der Kulturen der Welt. Sie wird einen bisher in Berlin fehlenden Resonanzraum für europäische Themen eröffnen, die öffentlich verhandelt gehören und auf dramatische Weise Teil unserer Zukunft sind.

Joachim Sartorius
Intendant Berliner Festspiele

Seit drei Jahren haben die Berliner Festspiele ein eigenes Haus. Neben die Festivals tritt nun ab diesem Jahr eine neue Programmreihe: eine konzentrierte Auswahl von rund 15 Theater- und Tanztheater-Produktionen aus ganz Europa – kurz: kein Festival, sondern eine Saison.

Mit Heiner Goebbels, der ein großartiges Solostück für einen Schauspieler, ein Streichquartett und einen Raumkünstler, basierend auf Texten von Elias Canetti, entworfen hat – einer Koproduktion der Berliner Festspiele – beginnen wir im November die eigentliche Kernzeit dieser Saison. Im Spielplan finden sich Naturalisten wie der argentinische Aktionstheaterspezialist Emilio García Wehbi oder Luc Bondy, der in Berlin seine erste englische Regiearbeit zeigt. Aber auch Moralisten wie Peter Brook, der kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag ein seit 12 Jahren gehegtes afrikanisches Theaterprojekt realisierte. Es finden sich darin Spieler wie die beiden ungarischen Regisseure Béla Pintér und János Mohásci, die mit Ironie Gegenwart und Vergangenheit revueartig durcheinander wirbeln, oder die junge in Berlin lebende Choreografin und Regisseurin Constanza Macras, deren neues Stück „Big in Bombay“ im Rahmen von spielzeiteuropa uraufgeführt wird. Aber auch Poeten sind auszumachen im europäischen Theater: beispielsweise der mit den Seelen Federico Fellinis und Dario Fos verwandte italienische Darsteller / Regisseur / Autor Pippo Delbono, der in „Urlo“ einen Bildersturm gegen die Kräfte der Macht in Szene setzt.

Dem amerikanischen Videotheater-Pionier John Jesurun widmen wir eine kleine Werkschau mit drei Arbeiten, die in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind und eine ganze Künstlergeneration in den USA, aber auch speziell in Deutschland nachhaltig beeinflusst haben. Zeitgleich präsentieren sechs zeitgenössische bildende (Licht-) Künstler in den Räumen des Festspielhauses ihre Werke im Rahmen der Ausstellung „Licht! Ljus! Lumière!“ (ab Anfang Dezember bis Ende Januar).

Naturalist, Moralist, Spieler und Poet zugleich ist Frank Castorf, dessen 2001 am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführte Romanadaption von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ ihren Weg nach Berlin und in nächste Nähe des Alexanderplatzes finden wird. Und mit dem dritten Teil einer Proust-Bearbeitung des flämischen Regisseurs Guy Cassiers – einem der wichtigsten Vertreter des niederländisch-belgischen Theaters – schließen wir den Bogen. Cassiers agiert, genau wie Goebbels, virtuos mit audiovisuellen Stilmitteln. Seine Videobilder, die von Zeit zu Zeit das Geschehen auf der Bühne überlagern, sind Spiegelbilder, Metaphern für die dekadente Welt des Pariser Hochadels, einer Gesellschaft, die vom Sehen und Gesehenwerden, von Voyeurismus und Exhibitionismus lebt. So nah rückt plötzlich eine scheinbar ferne Zeit, wenn sie von Theatermachern aus ihrer eigenen Optik heraus inszeniert wird.

Markus Luchsinger, Künstlerischer Leiter
spielzeiteuropa | Berliner Festspiele

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